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Published by City Farmer, Canada's Office of Urban Agriculture


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Chancen und Risiken der Kleinbäuerlichen Urbanen Tierhaltung


By Gundula Jahn
[Dipl. Agr. Ing, Praktikantin im Arbeitsfeld Viehwirtschft, Veterinarwesen und Fischerei der GTZ in der Zeit vom 01.121996 -29.02.1997]

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Dr. Marlis Lindecke
marlis.lindecke@gtz.de
GTZ
Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH
Dag-Hammarskjöld-Weg 1-5, 65760 Eschborn
Telefon (06196) 79-0, Telefax (06196) 79-1115


1 Zusammenfassung

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Problematik der stetig ansteigenden Weltbevölkerung immer mehr in den Vordergrund gerückt. Die Betrachtung der Wachstumszahlen der letzten Jahre und die Prognosen für den Beginn des nächsten Jahrtausends machen deutlich, daß nach der Jahrtausendwende mehr Menschen in Städten als in ländlichen Regionen leben werden (Engelhardt et al., 1996).

In den 70er Jahren versuchten die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit die Förderung der Landwirtschaft und die Entwicklung des ländlichen Raums zur zentralen Strategie zu machen, mußten aber mit den Jahren feststellen, daß sich die Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte dadurch nicht verhindern ließ. Auch die Massenarmut ließ sich dadurch nicht bekämpfen (Jahn, 1996). Die immer stärker in den Vordergrund tretende Urbanisierung führte in der Entwicklungs-zusammenarbeit zum Umdenken: die sogenannten Strukturanpassungsprogramme (SAP) wurden entwickelt. Diese hatten u. a. zur Aufgabe, die Situation der drastischen Verschuldung vieler Entwicklungsländer zu verändern (Urff, 1997). Die Korrektur verzerrter Wechselkurse bewirkte zunächst eine Verteuerung der Einfuhrpreise und eine Erhöhung der Lebenshaltungskosten.

Zur Unterstützung der städtischen Massen, wurden in vielen Ländern die Nahrungsmittel subventioniert, um somit die Preise für die ärmeren Bevölkerungsschichten zu senken. Doch auch diese verbilligten Nahrungsmittel konnten sich nur wenige leisten, da ein Großteil der Bevölkerung über kein regelmäßiges Einkommen verfügte.

Um in dieser Situation überleben zu können, wurde begonnen nach eigenen Einkommens- und Überlebensmöglichkeiten zu suchen. Eine sehr häufig anzutreffende "Lösung" war und ist auch heute noch die sogenannte urbane Landwirtschaft. Freie Flächen in der Stadt, seien es unbebaute Grundstücke, Straßenränder, Haus- und Dachgärten, werden mit Nahrungspflanzen bebaut und auf engstem Raum werden die unterschiedlichsten Tiere gehalten. Diese Art der Beschäftigung und Einkommensschaffung, die zum informellen Sektor zählt, existiert bereits sehr lange. Sie stellt ein großes Potential zur Selbsthilfe der städtischen Armen dar, was aber viele Jahre nicht beachtet wurde. Oft waren Stadtplaner vielmehr bemüht, gegen diese Art der Landwirtschaft vorzugehen.

Erst in den 80er Jahren wurde immer deutlicher, daß sich dieses Phänomen nicht so schnell wie gewünscht, aus dem städtischen Raum verbannen läßt und daß das Selbsthilfepotential dieser Aktivität mehr Beachtung verdient.

Ziel des nachfolgenden Berichtes ist es, auf einen Teilaspekt dieser urbanen Landwirtschaft, nämlich die urbane Tierhaltung, näher einzugehen.

In den permanent wachsenden Großstädten der sogenannten Entwicklungsländer existieren unterschiedliche Tierproduktionssysteme. Neben groß angelegten, modernen Betrieben zur Produktion von Eiern, Geflügelfleisch oder Milch, die von staatlicher Seite unterstützt oder auch vorfinanziert werden, um die städtischen Massen zu versorgen, existiert eine Tierhaltung auf Familienebene. Hühner, kleine Wiederkäuer, Schweine, Meerschweinchen, Kaninchen, Milchkühe oder -büffel werden in "low-input"-Systemen gehalten. Sie tragen dazu bei, der steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln, insbesondere der Nachfrage nach tierischen Proteinen, gerecht zu werden. Denn trotz der Belieferung der städtischen Märkte durch industrielle Tierproduktionsbetriebe läßt die Ernährungssitution vieler ärmerer Haushalte zu wünschen übrig. Zudem verbessert die kleinbäuerliche Tierhaltung das Einkommen einer Familie bzw. senkt deren Lebenshaltungskosten. Die gehaltenen Tiere stellen einen Puffer gegenüber hohen Inflationsraten dar und ermöglichen den produktiven Einsatz "freier" Resourcen (wie Arbeitszeit, pflanzliche Abfälle oder Bewuchs freier städtischer Flächen).

Neben den Vorteilen der städtischen Tierhaltung sind aber auch Probleme und Risiken zu berücksichtigen. Dazu zählen unter anderen Krankheitsübertragungen vom Tier auf den Menschen, Belastung der Trink- und Abwässer durch tierische Abfälle, Überweidung von städtischen Grünflächen oder zusätzliche Arbeitsbelastung der Frauen und Kinder.

Um diese Probleme zu minimieren oder so gering wie möglich zu halten und die Vorteile zu stärken, gilt es in Zusammenarbeit mit den tierhaltenden Familien und sämtlichen anderen beeinflussenden Institutionen (unter Berücksichtigung der jeweiligen Gegebenheiten wie gesetzliche Vorschriften, Futterverfügbarkeit, Vermarktungs- und Absatzmöglichkeiten, u.a.), nach Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen.

Die wichtige Frage in diesem Zusammenhang lautet: "Wie läßt sich urbane Tierhaltung in der Weise unterstützen, daß sie tatsächlich langfristig gesehen nachhaltig zur Armutsbekämpfung und Verbesserung des Wohlstandes der Stadtbevölkerung beitragen kann?"

Ein sehr wichtiger Aspekt ist die Beachtung und Anerkennung der urbanen Tierhaltung durch öffentliche Institutionen. Meist wird urbane Tierhaltung von Stadtplanern als ein vorübergehendes Phänomen betrachtet, auf das langfristig keine Rücksicht genommen werden muß. Eine Beachtung und gesetzliche Regelung durch den Staat wäre aber sehr wichtig, um das Feld zur Förderung und Unterstützung durch andere Institutionen wie Veterinär- und Beratungsorganisationen zu ebnen.

Anschließend gilt es, gemeinsam über einen partizipativen Ansatz mit sämtlichen Akteuren zu überlegen, welches die Hauptprobleme der urbanene Tierhaltung sind und welche Möglichkeiten bestehen, diese anzugehen. Möglichkeiten wären u.a. die Minimierung von Verlusten aufgrung hoher Mortalitäten, geringen Zuwächsen oder geringen Produktionsleistungen (z. B. Milch, Eier) durch Beratung und Weiterbildung. Neben der Verbesserung der Produktions- und Haltungstechnik, kann dazu angeregt werden, Kooperativen zu gründen, um beim Einkauf von Tieren oder Produktionsmitteln Ausgaben zu senken oder um beim Verkauf der Tiere und tierischen Produkte möglichst hohe Erlöse zu erzielen. Welches jedoch die geeigneten Maßnahmen sind, hängt ganz vom jeweiligen Standort und den Bedürfnissen der jeweiligen Tierhalter ab.

Abschließend läßt sich festhalten, daß davon ausgegangen werden kann, daß urbane Tierhaltung eine große wirtschaftliche Bedeutung für die ärmeren urbanen Haushalte hat. Urbane Tierhaltung stellt für die Stadthaushalte ein im ökonomischen Sinn rationales Verhalten dar. Wie hoch der Beitrag der Tierhaltung zum Haushaltseinkommen aber anteilsmäßig zu bewerten ist, läßt sich aus den wenigen verfügbaren Studien nur schwer ermitteln. Dennoch sollte angesichts der immer stärker wachsenden städtischen Bevölkerung die "Selbsthilfemaßnahme" der Städter nicht unbeachtet bleiben und mit allen beteiligten Akteuren (Staat, Städteplaner, Tierhalter, Berater, etc.) nach Lösungen gesucht werden, die dazu beitragen, die Einkommens- und Ernährungssituation der ärmeren städtischen Bevölkerung zu verbessern.

2 Definition und Charakterisierung

2.1 Urbanisierung und Stadtentwicklung

Bevor auf den Begriff der urbanen Tierhaltung näher eingegangen wird, soll zunächst das Thema der Urbanisierung, insbesondere in Entwicklungsländern, dargestellt werden.

Im elementarsten Sinn bezieht sich Urbanisierung auf den Anteil der Bevölkerung, der in als urban zu bezeichnenden Regionen lebt (Stren et al. 1992:8). Eine Mindesbevölkerungsanzahl einer Siedlung von 1000 oder 5000 und mehr Menschen kann nach kanadischer bzw. US-Festlegung bereits als urban gelten. Dabei wird nicht auf die Fläche näher eingegangen, die besiedelt ist. Die Grenzen solcher Siedlungen werden u.a. durch die Verwaltung oder die Funktionen der Stadt bestimmt. In diesem engeren Sinne verändert sich der Urbanisierungsgrad eines Landes in dem Maß wie sich die Wachstumsraten in ländlichen bzw. städtischen Regionen verändern. Letztendlich ist nach dieser Definition der Urbanisierungsgrad höher, je mehr Menschen der Gesamtbevölkerung eines Landes in Städten leben. Erfolgt nach dieser Definition der Urbanisierung ein Vergleich von verschiedenen Ländern oder Städten, so ist bei den jeweiligen dazu herangezogenen Studien darauf zu achten, welche Art der Eingrenzung und Charakterisierung einer Stadt vorgenommen wurde. Werden in einigen Ländern z. B. die Vororte zu den Städten mit hinzugezählt, in anderen dagegen nicht, so ist ein Vergleich des Urbanisierungsgrades streng genommen gar nicht möglich. Dieser Aspekt sollte auch bei der weiteren Diskussion über urbane Tierhaltung nicht vergessen werden.

In einem weiter gefaßten Sinne stellt Urbanisierung einen Prozeß dar, einen Prozeß den eine gesamte Nation oder eine Gesellschaft durchläuft. Dieser Prozeß der sich sowohl geplant als auch ungeplant vollzieht, umfaßt neben ökonomischer, sozialer und territorialer Transformation auch die Verteilung von Wohlstand und politischer Macht. Urbanisierung in diesem Sinne erfordert, daß man eine Stadt als ein System anerkennt. Dieses System beruht auf komplexen Interaktionen ("holistischer Ansatz"), die eine Stadt erst funktionieren lassen (Stren et al. 1992:9). Um das urbane System zu verstehen und mit ihm arbeiten zu können, um auf urbane Entwicklung Einfluß nehmen zu können ("urban development approach"), gilt es einen multidisziplinären Ansatz anzuwendenden und Experten möglichst vieler Disziplinen zunächst bei einer Analyse und später in einen Planungs- und Entscheidungsprozeß mit einzubeziehen. Neben Stadt- und Landnutzungsplanern sollten sich Geographen, Soziologen, Ökologen und Agraringenieure zusammentun, um gemeinsam mit den Betroffenen, nämlich der städtischen Bevölkerung und da nicht nur mit Leuten der reichen Oberschicht, sondern mit Leuten aus sämtlichen Einkommensverhältnissen nach Möglichkeiten der Stadtentwicklung zu suchen. Die Förderung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Vielfalt und die Selbstorganisation des Zusammenlebens in einer Stadt sollten dabei im Vordergrund stehen (BMZ, 1989).

Im weiteren soll dieser zweite, weiter gefaßte Begriff der Urbanisierung als Diskussionsgrundlage dienen. Ein Urbanisierungsgrad läßt sich hiermit aufgrund des Prozeßablaufs zwar nicht festlegen, genügt aber für die folgende Darstellung der urbanen Tierhaltung.

Es gilt allerdings klar zu stellen, welche Städte bei der Betrachtung der genannten Problematik gemeint sind. Es geht hierbei nicht um Klein- oder Mittelstädte -mit Ausnahme von Asien-, sondern vielmehr um Großstädte in den sogenannten "Entwicklungsländern". Diese sind meist charakterisiert durch eine Bevölkerungszahl von mehr als 200.000 Einwohnern und ein stärkeres Bevölkerungswachstum als im gesamten Land. Dieses stärkere Bevölkerungswachstum hat seine Ursachen nicht in einer höheren Geburtenrate im Vergleich zu den ländlichen Regionen, sondern vor allem in der Land-Stadt-Migration und in der Verlegung von Stadtgrenzen (Eingemeindung von Vororten) (Schürch&Favre, 1985; Sporrek, 1985).

2.2 Flächeneinteilung einer Stadt zur Darstellung der Nutzungsmöglichkeiten in Hinblick auf urbane Tierhaltung

Obwohl Städte sich in einem permanenten Entwicklungsprozeß befinden und sich damit die Nutzung und die Funktionen einzelner Stadtteile ändern, wurde von Smit (UNDP, 1996:96) versucht, große Städte in unterschiedliche Bereiche bzgl. der landwirtschaftlichen Nutzung einzuteilen. Dazu wird die moderne Stadt in vier Zonen eingeteilt: Zentrum ("core"), Korridore ("corridor"), Keile ("wedge") und Peripherie ("periphery"). Jeder dieser Zonen wird eine für sie charakteristische Landnutzung oder landwirtschaftliche Produktion zugeordnet. In der am dichtesten besiedelten Innenstadt, dem Zentrum, werden vorübergehend freie Flächen wie Bauplätze, Dächer oder öffentliche Flächen für intensive, aber kurzfristige Landwirtschaft (z.B. nur eine Anbauperiode) genutzt. Die Korridore umfassen innerstädtische Zonen um die Hauptverkehrsadern. Sie sind einem sehr schnellen Wandel unterworfen, was für die Landbewirtschaftung in der Stadt zur Folge hat, daß sie nur zwischenzeitlich (etwa drei bis vier Jahre) betrieben werden kann. Die Anbauer und Tierhalter profitieren meist von einer guten Infrastruktur und der Nähe zu guten Absatzmärkten. In diesen Zonen ist Kleintierhaltung, z. B. kleinere Hühnerfarmen zu finden. Zwischen den Korridoren befinden sich die Keile, die ebenfalls einem ständigen Wandel unterliegen. Dieser findet aber langsamer statt, was für Anbauer und Tierhalter bedeutet, vorhandene Flächen längerfristig nutzen zu können. Die Keile stellen die Hauptnutzungsfläche für urbane Landwirtschaft dar. In ihnen ist auf Grund der Flächenverfügbarkeit häufig schon Milchviehhaltung zu finden. Unmittelbar angrenzend an das Stadtgebiet ist die ringförmig um die Stadt angrenzende Peripherie. Die hier betriebene Landwirtschaft hat meist größeren Umfang als in den anderen Zonen und dient je nach Stadt immer mehr der Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, weswegen diese Zone von Smit (UNDP, 1996) ebenfalls zur urbanen Landwirtschaft gerechnet wird.

Durch diese Darstellung wird deutlich, daß bei der Diskussion der urbanen Tierhaltung eine betrachtete Stadt nicht als homogene Einheit betrachtet werden kann, sondern je nach Nutzung und Dichte des jeweiligen Stadtviertels sich die Art der Tierhaltung stark ändert.

2.3 Urbane Tierhaltung

Ein allgemeingültige Definition für urbane Landwirtschaft - nämlich der Anbau von Pflanzen (Nahrungs- sowie anderen Nutzpflanzen einschließlich Nutzbäumen) und die Haltung von Tieren innerhalb von bebautem, städtischem Gelände - und insbesondere urbane Tierhaltung existiert nicht. Da das Phänomen der städtischen Landwirtschaft in seinen Ausprägungen so unterschiedlich ist, daß es Verallgemeinerungen so gut wie nicht zuläßt, wird es eine Definition voraussichtlich auch in Zukunft nicht geben.

Eine Unterscheidung zwischen urbanen und peri-urbanen Gebieten, d.h. den Übergangszonen zwischen Stadt und Land, soll dabei nicht gemacht werden, da die Übergänge oft fließend und dynamisch sind. Die Städte wachsen mit einer sehr hohen Geschwindigkeit und lassen die heute noch als peri-urban zu bezeichnenden Stadtteile zu den urbanen Gebieten von morgen werden.

Um aber zu verdeutlichen, welche Zielgruppe von urbanen Tierhaltern in diesem Beitrag gemeint ist, wenn von kleinbäuerlicher urbaner Tierhaltung die Rede ist, wird eine gewisse Eingrenzung vorgenommen. Im Anschluß daran werden noch andere Herangehensweisen zur Definition bzw. Beschreibung der urbanen Tierhaltung dargestellt, woraus ersichtlich wird, warum es so schwierig ist, allgemeingültige Abgrenzungen zu machen.

Die kleinbäuerliche urbane Tierhaltung, die hier gemeint ist, wird vorwiegend von ärmeren Bevölkerungsschichten durchgeführt, die darauf angewiesen sind, auf irgendeine Art und in diesem speziellen Fall durch Tierhaltung, zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. Pro tierhaltende Familie wird nur eine geringe Anzahl von Tieren gehalten. Genaue Zahlen sollen hierzu nicht angegeben werden, da sie sie je nach Stadt und Familiensituation zu sehr schwanken.

Was an dieser Stelle auch unberücksichtigt bleiben soll, sind Aspekte wie der Grad der Marktorientierung, die genaue Analyse der Familieneinkommen oder eine sehr differenzierte Betrachtung je nach gehaltener Tierart. Es geht nicht so sehr um die genaue Definition oder Abgrenzung, als vielmehr darum, auf die Tatsache aufmerksam zu machen, daß für gewisse Bevölkerungsschichten die Notwendigkeit besteht, sich darum zu bemühen, selber zusätzliches Einkommen zu schaffen und sie dies in nicht unbedeutendem Maß mit Hilfe von Tierhaltung tun.

Wie bereits erwähnt soll auf kleinbäuerliche, urbane Tierhaltung eingegangen werden, da diese vorwiegend von ärmeren Bevölkerungsschichten durchgeführt wird. Durch die Beleuchtung der verschiedenen Aspekte wie Funktionen, Probleme, Risiken und Einflußfaktoren, die die urbane Tierhaltung betreffen, soll herausgearbeitet werden, welchen Stellenwert urbane Tierhaltung tatsächlich für die Armen in den Städten hat und wo es Möglichkeiten gibt, einen wirksamen Beitrag zur Armutsbekämpfung oder -linderung zu leisten.

Die Tierhalter sind überwiegend Personen aus den unteren bis mittleren Einkommensschichten. Sie bilden den größten Anteil aller Tierhalter in den Städten. Die Tierhaltung stellt für diese Personengruppe nicht die ausschließliche Tätigkeit dar, viele Familienmitglieder sind in ganz anderen "Wirtschaftszweigen" tätig, aber die Tierhaltung trägt nicht unwesentlich zum Einkommen des Haushalts bei. Ärmere Familien, die meist nicht über eigene Flächen verfügen, weiden ihre Tiere (zumindest was kleine Wiederkäuer und Schweine anbetrifft) auf öffentlichem und kommunalem Terrain. Ähnliches gilt auch für Geflügel. Je nach Standort werden die Tiere dabei beaufsichtigt oder "vagabundieren", sich selbst überlassen, herum und ernähren sich größtenteils von Abfällen, die auf und entlang von Straßen und Wegen zu finden sind. Kleine Tiere wie Hühner, Kaninchen oder Meerschweinchen werden auf dem Wohngelände gehalten ("backyard" oder "on-plott" farming2), sei es im Hinterhof, in einem Schuppen oder gar im Wohnhaus. Man könnte zwar zur urbanen Tierhaltung auch die Haltung von z. B. Zugtieren für die Bearbeitung von (stadtnahen) Ackerflächen und Transport hinzuzählen, da es aber bei diesem Thema die Ernährungssituation der Bevölkerung im Vordergrund steht, soll im folgenden nur auf die Tierhaltung eingegangen werden, die direkt zur Nahrungsmittelproduktion der Stadtbevölkerung beiträgt. In vielen Fällen bietet diese Art der Tierhaltung gerade für Frauen die Möglichkeit, zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften, was im Hinblick auf erschwerten Zugang zu Land bzw. Bodenrecht, Kredit und anderen Inputs von besonderer Bedeutung ist.

Um dennoch aufzuzeigen, welche Herangehensweisen bei der Definition bzw. Beschreibung der urbanen Tierhaltung möglich sind, wird zunächst eine von Doppler (1991) zusammengestellte Betriebssystematik vorgestellt. Urbane Tierhaltung ist demnach ein Teil eines landwirtschaftlichen Betriebssystems und läßt sich nach einer genauen Charakterisierung in eine Betriebssystematik einordnen. Maßgebliche Kriterien zur Charakterisierung können dabei sein der Grad der Marktorientierung, die Knappheit an Fläche oder anderen Ressourcen wie Arbeit, Tiere oder Kapital, das Produktionssystem, Klima, Arbeitsverfassung, Einkommensquellen oder Familiengröße. Je nach dem, welche Kriterien zur Charakterisierung herangezogen werden, was wiederum davon abhängt, für welchen Zweck die Betriebssystematik erstellt wird, läßt sich urbane Tierhaltung einem oder mehreren Betriebssystemen zuordnen. So käme man mit der Einteilung nach dem Grad der Marktorientierung (ob subsistenz- oder marktorientiert) zu ganz anderen Ergebnissen als mit der Einteilung nach der Anzahl der Tiere pro Haushalt oder nach der Familiengröße.

Eine Einteilung, die sich mehr nach dem Einkommen der tierhaltenden Familien richtet, wird von Smit (UNDP, 1996:54-62) vorgenommen. Es wird nach "low-income" und "middle- and high-income farmers" unterschieden. "Low-income farmers" sind demnach Familien, die ein geringes Gesamteinkommen haben und dieses damit aufbessern, indem Tiere gehalten werden. Die Tierhaltung ist eine Einkommensmöglichkeit unter anderen und trägt je nach Umfang und je nach Art und Beständigkeit der anderen Einkommensmöglichkeiten nicht unwesentlich zum Familieneinkommen bei. Zu den "middle- und high-income farmers" zählen zum einen Beamte, die über ein mehr oder weniger regelmäßiges Gehalt verfügen, dieses aber noch durch eine gut organisierte Tierhaltung verbessern wollen. Für diese Leute ist der Zugang zu Inputs wie Beratung, Kreditwesen, Technologie und sonstige Ressourcen wesentlich einfacher als für "low-income farmers". Desweiteren lassen sich in diese Gruppe die Besitzer von intensiven Tierproduktionsanlagen einordnen. Deren Anlagen unterscheiden sich kaum mehr von solchen, wie sie uns aus industrialisierten Ländern bekannt sind. Es sind häufig gut funktionierende und gut organisierte Tierhaltungsbetriebe, die ein hohes und sicheres Einkommen erwirtschaften. Mit diesen Tierhaltern soll sich hier aber nicht näher beschäfttigt werden, da im Sinne der Armutsbekämpfung hier kein Handlungsbedarf besteht.

Eine Einteilung der urbanen Tierhaltung nach der Anzahl der gehaltenen Tiere pro Betrieb -ohne jedoch genaue Zahlen für die Einteilung anzugeben- wurde von Waters-Bayer (1995) vorgenommen. Demnach liegen größere, kommerziell geführte Betriebe vorwiegend an Stadträndern. Diese staatlichen, halbstaatlichen oder privaten Unternehmen haben sich auf Geflügelhaltung, Milch- oder Fleischproduktion spezialisiert. Kleinere Betriebe, innerhalb der Stadt, sind überwiegend subsistenzwirtschaftlich und nur in geringem Maß marktorientiert. Je nach Lage lassen sich intra-urbane (innerhalb eines Stadtviertels) oder inter-urbane (zwischen zwei Stadtvierteln) ausmachen. Was die Produktionsweise anbetrifft, so lassen sich die Betriebe in "off-plott" und "on-plott"-Betriebe unterteilen. Bei "off-plot" Tierhaltung werden die Tiere, zumindest tagsüber, außerhalb des Wohngeländes gehalten. Je nach Platzangebot, Tierart und Einstellung des Tierhalters sind die Tiere angebunden, sie werden gehütet oder einfach sich selbst überlassen. Diese Art von Tierhaltung wird meist von landlosen Familien betrieben. Bei "on-plott" Tierhaltung befinden sich die gehaltenen Tiere überwiegend auf dem Wohngelände der Familie. Das nötige Futter und Wasser wird zu den Tieren gebracht.

3 Funktionen und Chancen der kleinbäuerlichen Tierhaltung

Wie bereits schon im vorangegangenen Kapitel deutlich wurde, trägt die kleinbäuerliche, urbane Tierhaltung nicht unwesentlich zur Verbesserung des Einkommens des Tierhalters bei. Neben dieser existieren weitere Funktionen, die sich positiv auf die ärmeren, tierhaltenden Bevölkerungsschichten in Städten auswirken. Die wichtigsten Funktionen seien hier zunächst einmal aufgelistet. Nicht alle dieser positiven Einflüsse haben an jedem Standort den gleichen Stellenwert, bzw. je nach Standort mögen auch noch weitere Funktionen hinzutreten.

Tabelle 1:
Funktionen der städtischen Tierhaltung für die ärmeren Bevölkerungsschichten
Funktionen der Tierhaltung
Einkommensschaffung (durch den Verkauf von Tieren, Milch, Dung, etc.)
Sparanlage (mit höheren Verzinsungen als bei einer Anlage bei der Bank)
Puffer gegen hohe Inflationsraten
Teilzeitbeschäftigung der Familie (bes. fü Personen ohne spezielle Ausbildung)
Produktiver Einsatz "freier" Ressourcen
Tierisches Protein (für eine ausgewogene Ernährung)
*Quelle: Waters-Bayer (1995)

Als Möglichkeiten, das Einkommen einer Familie zu verbessern, sind zunächst der Verkauf von Lebendvieh, Fleisch, Milch, Eiern, Häuten, Fellen oder Dung zu nennen. Der Erlös aus diesen Verkäufen kommt direkt den tierhaltenden Eigentümern zu. Werden dagegen die tierischen Produkte nicht verkauft, sondern im eigenen Haushalt konsumiert, können Ausgaben für relativ teure und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel eingespart werden, was sich wiederum positiv auf das Familieneinkommen auswirkt. Gerade in einer Zeit, in der die Spanne zwischen dem aus einer offiziellen Beschäftigung erwirtschafteten Einkommen und den Lebenshaltungskosten immer größer wird, kommt dieser Funktion eine ständig wachsende Bedeutung zu. Es läßt sich immer häufiger beobachten, daß selbst Haushalte mit höheren Einkommen Tiere halten, um ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. Für Personen ohne spezielle Ausbildung und ohne feste Anstellung bietet die Tierhaltung in der Stadt die Möglichkeit, freie Kapazitäten bzw. Ressourcen produktiv einzusetzen. "Arbeitslose" Familienmitglieder können ihre Zeit "sinnvoll" einsetzen, indem sie selber Futter schneiden, sammeln und zu den Tieren bringen, indem sie die Tiere -falls notwendig- hüten und indem sie bei der Vermarktung darauf achten, einen angemessenen Preis zu erzielen.

Für Frauen hat die Tierhaltung aus den gleichen Gründen einen höheren Stellenwert. Ihnen ist meist auf Grund ihres Ausbildungsstandes, auf Grund des traditionellen Rollenverständnisses mit der daraus resultierenden rechtlichen Situation der Zugang zu anderen Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten verwehrt. Die Aufgabe der Frauen besteht meist darin, die Familie mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Durch Tierhaltung, die vielfach nebenher läuft, läßt sich Geld erwirtschaften, über das die Frauen selbständig verfügen und damit die Nahrungsmittelversorgung der zu versorgenden Familie ausgewogener und reichhaltiger gestalten können (Streiffeler, 1993). Daneben können andere Bedürfnisse wie Schulgeld etc. gedeckt werden.

Aber nicht nur Tierhalter profitieren von dieser Möglichkeit der Einkommensschaffung, sondern auch viele anderen Menschen, die im sogenannten vor- und nachgelagerten Bereich der Tierhaltung tätig sind, erwirtschaften sich durch unterschiedliche Tätigkeiten ein Einkommen. Zu diesen gehören z. B. Futterhändler, die tagtäglich Futter (verschiedenen Stroh- und Heuarten oder blattreiche Zweige von Bäumen) aus dem Umland in die Stadt transportieren und dort zum Verkauf anbieten oder Händler, die die städtischen Tierhalter mit den gewünschten Tieren versorgen bzw. die Vermarktung der zum Verkauf stehenden Tiere und Produkte übernehmen.

Als eine Unterfunktion der Einkommensschaffung ist die Sparfunktion zu betrachten. Kurzfristig zur Verfügung stehendes Geld kann zur Anschaffung von Tieren und Futtermitteln eingesetzt werden. Diese Geldanlage bringt in vielen Fällen eine höhere "Verzinsung" oder Rendite als auf der Bank angelegtes Geld. Das liegt zum einen daran, daß ärmeren Bevölkerungsschichten der Zugang zum geregelten Bank- und Geldsystem versperrt ist. Schreiben und Lesen sind Grundvoraussetzungen für die Abwicklung von Bankangelegenheiten, wird aber von vielen gar nicht oder nur mangelhaft beherrscht. Zum anderen gibt das existierende Bankensystem kaum eine Garantie, daß angesparte Summen tatsächlich bei Bedarf wieder zur Verfügung stehen und ausgezahlt werden.

In Ländern, deren Wirtschaft hohe Inflationsraten aufzuweisen haben, bildet eine vom Geldmarkt und Außenhandel unabhängige Produktion, wie sie die urbane Tierhaltung ist, einen wirksamen Puffer gegenüber dem permanenten und unkalkulierbaren Verfall des Geldwertes.

Neben den Chancen, die für die kleinbäuerlichen urbanen Tierhalter bestehen, gibt es aber auch gesamtwirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Vorteile, die die urbane Tierhaltung aufzuweisen hat. Durch die "Selbsthilfemaßnahme" der städtischen Bevölkerung wird ein Beitrag zur Armutsbekämpfung geleistet, der nicht nur auf den tierhaltenden Personenkreis beschränkt ist, sondern durch die Vernetzung mit dem vor- und nachgelagerten Bereich eine viel größere Ausdehnung hat. Bei entsprechender Organisation der jeweiligen Akteure, können kleine, privatwirtschaftliche Unternehmen gegründet werden (UNDP, 1996:172), seien es Händler, die sich darauf spezialisieren, die Tierhalter mit den nötigen materiellen Inputs zu beliefern, Berater, die in einem bestimmten Dienstleistungsverhältnis Wissen (bzgl. Managementpraktiken oder veterinärmedizinische Aspekte) an die Tierhalter vermitteln oder kleine "Industrien", die die jeweiligen tierischen Produkte (Milch, Eier, Fleisch, Häute) verarbeiten und anschließend vermarkten. Durch die Nähe, die zwischen den einzelnen Märkten besteht, entfallen weite Transportwege, es reduzieren sich somit die Kosten für Transport- und Energie, die entstehen würden, wenn Nahrungsmittel oder andere erzeugte Produkte aus den ländlichen Gebieten oder gar aus dem Ausland in die Städte transportiert werden müßten. Bei vielfach noch mangelhaften Systemen der Kühlung bzw. Lagerung von leicht verderblichen Produkten, lassen sich diese ohne großen Aufwand in der vom Konsumenten verlangten Qualität und gegebenenfalls auch kostengünstiger (weil die Anzahl der Zwischenhändler sich verringert) bereitstellen.

Für die städtische Bevölkerung trägt das vergrößerte Angebot von in der Stadt produzierten Nahrungsmitteln zu einer verbesserten Ernährung bei. Zum einen durch die Produkte, die tatsächlich angeboten werden und verfügbar sind und zum anderen dadurch, daß durch ein vergrößertes Angebot das Preisniveau sinkt und somit die Nahrungsmittel auch für untere Einkommensschichten erschwinglich werden. Durch eine verbesserte und ausgewogenere Ernährung ergeben sich weitere positive Effekte auf die menschliche Gesundheit und die daraus resultierende Leistungsfähigkeit der Menschen.

Die Tierhaltung leistet einen wichtigen Beitrag zur Abfallbeseitigung und Stadtreinigung - sei es, daß die Abfälle gezielt gesammelt werden, um sie an die Tiere zu verfüttern, oder daß die Tiere frei herumlaufen ("vagabundieren") und sich die verwertbaren Reste selber heraussuchen. In Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und Stadtplanung ließe sich das System der Abfall- bzw. Ressourcenverwertung sicherlich effizienter gestalten und nutzen.



4 Probleme und Risiken der urbanen Tierhaltung

Im vorangegangenen Kapitel ist im wesentlichen auf die positiven Aspekte der urbanen Tierhaltung eingegangen worden. Doch neben allen Vorzüge soll nicht unerwähnt bleiben, welche Probleme und Risiken bei der Haltung von Tieren in der Stadt auftreten.

Allen voran gestellt sei die Problematik der Hygiene und der Krankheitsübertragung vom Tier auf den Menschen (UNDP. 1996). Durch die vielerorts mangelhaften hygienischen Bedingungen, unter denen die Menschen leben, ist die Gefahr, daß Krankheiten direkt vom Tier auf den Menschen übertragen werden relativ hoch. Eine weitere Übertragungsmöglichkeit besteht darin, daß der ansonsten für Pflanzenbau nützliche Kot und Urin bei unterlassener Behandlung zur Abtötung von Keimen Krankheitserreger in den Nahrungskreislauf bringen kann. Unkontrollierte Schlachtungen, bei denen keine veterinärmedizinische Inspektion erfolgt, sind ebenfalls als Möglichkeit der Krankheitsübertragungen zu betrachten.

Ob diese potentiellen gesundheitlichen Gefahren tatsächlich als so hoch zu bewerten sind, läßt sich nicht genau belegen. Es gilt z. B. zu überlegen, ob es nicht verstärkt zu Mangel- und Fehlernährung kommen würde, wenn die Produkte der urbanen Tierhaltung wegfallen würden. Genauere Untersuchungen dazu sind allerdings bisher nicht erstellt worden (Waters-Bayer, 1995).

In Städten, in denen die Abfall- und Abwasserentsorgung noch nicht zufriedenstellend geregelt ist, können Kot und Urin der Tiere die Abwässer belasten bzw. sogar Trinkwasserquellen verschmutzen. Diese Problematik ist sowohl dem gesundheitlichen als auch dem umweltbelastenden Aspekt zuzuorden. Dadurch daß die Tiere vielfach auf Futtemittel angewiesen sind, die sie auf Müllhalden finden, besteht einen hohe Gefahr, daß die aufgenommenen Futtemittel verdorben oder mit Schadstoffen belastet sind. Das kann zum einen zu einem schlechten Gesundheitszustand der Tiere führen, es kann aber auch bedeuten, daß die tierischen Produkte gesundheitsschädliche Auswirkungen (z. B. belastet durch Schwermetalle) auf den Menschen haben können.

Sofern der Bestand an Tieren innerhalb der Stadtgrenzen zunimmt, kann das dazu führen, daß die knappen, freien Flächen zu intensiv genutzt bzw. überweidet werden, so daß im Laufe der Zeit deren Ertragsfähigkeit immer mehr abnimmt und diese Futterangebotsquelle damit zerstört wird.

Lärm- und Geruchsbelästigung können dort, wo Menschen relativ dicht zusammenleben, zu Problemen mit den Anwohnern führen. Was ebenfalls häufig zu Schwierigkeiten führt, ist die hohe Rate an Diebstählen. Dadurch daß die Tiere oft frei herumlaufen und sich selbst überlassen sind, bereitet es den Dieben keine größeren Umstände, Tiere schnell verschwinden zu lassen.

Weitere Probleme, die eher als produktionsspezifisch zu beurteilen sind, sind hohe Mortalitätsraten, Futterknappheit und Mangel an entsprechendem Raum oder Fläche für die jeweiligen Tiere. Darauf wird aber im nachfolgenden Kapitel 5 noch näher eingegangen.

Eine Problematik aus dem sozialen Bereich ist die Arbeitsbelastung der Frauen und Kinder. Im vorangegangenen Kapitel wurde zwar darauf verwiesen, daß die urbane Tierhaltung freie Arbeitskapazitäten absorbieren und sinnvoll auffangen kann. Es gilt aber dabei zu unterscheiden, wer die Arbeit der Betreuung der Tiere tatsächlich übernimmt. Für die Frauen kann das eine zusätzliche Belastung in ihrem ohnehin meist sehr arbeitsreichen Arbeitsablauf bedeuten. Auch der Aspekt der Kinderarbeit soll hier nicht ganz unerwähnt bleiben. Jüngere Kinder werden oft dazu herangezogen, Tiere zu hüten oder auch bei der Futterbeschaffung mit behilflich zu sein. Eine Ausweitung der urbanen Tierhaltung, könnte dazu führen, daß die Kinder verstärkt mitarbeiten müssen und ihnen evtl. dadurch die Möglichkeit genommen wird, ihrer Schulpflicht nachzukommen.

Ebenfalls ein Aspekt, der bei den Einflüssen (Kap. 5), die auf die urbane Tierhaltung wirken, genauer erläutert wird, sind die Restriktionen durch staatliche Gesetzgebung. Die gesetzlichen Regelungen wirken sich, abhängig von der Region, eher einschränkend als förderlich auf die urbane Tierhaltung aus.

5 Welchen Einflüssen unterliegt kleinbäuerliche urbane Tierhaltung?

5.1 Faktoren, die die kleinbäuerliche urbane Tierhaltung beeinflussen

Urbane Tierhaltung ist ein Produktionssystem, das wie jedes andere landwirtschaftliche oder auch nichtlandwirtschaftliche Produktionssystem von verschiedenen Faktoren beeinflußt wird. Welche Arten von Faktoren das im Einzelnen sind, wird nachfolgend dargestellt. Dabei ist schon an dieser Stelle zu erwähnen, daß die Gliederung bzw. Einteilung (Bewertung) der Faktoren unter dem besonderen Blickwinkel der kleinbäuerlichen Tierhaltung vorgenommen wurde. Es werden die wichtigsten Faktoren und deren Interaktionen dargestellt, wobei aufgrund der Komplexität des Systems und der Zusammenhänge sicherlich nicht alle Interaktionen, die zwischen den jeweiligen Faktoren bestehen, ausreichend berücksichtigt werden können.

Als die wichtigsten Faktoren, die auf das System der kleinbäuerlichen städtischen Tierhaltung Einfluß nehmen, sind zunächst die Tierhalterfamilie, der Standort und die Tiergesundheit zu nennen (vgl. Abb. 1). Daß die Tiergesundheit hier an dieser Stelle als einer der Hauptfaktoren genannt wird, mag zunächst verwunderlich erscheinen, wird aber aus der folgenden Erklärung sicherlich eindeutiger.

Abbildung 1:
Zentrale Faktoren, die die kleinbäuerliche urbane Tierhaltung beeinflussen
(See original report. Not reproduced here.)

Situation der Tierhalterfamilie

Die Tierhalterfamilie ist ein zentraler Einflußfaktor. Sie oder zumindest ein Mitglied der Familie entscheidet darüber, ob überhaupt Tiere gehalten werden und wenn, welche, wieviele und wie. Die ökonomische Situation der gesamten Familie oder einzelner Familienmitglieder, kulturelle Rahmenbedingungen, der bestehende Erfahrungshintergrund und vorhandene bzw. in Anspruch genommene Dienstleistungen für die Tierproduktion und deren Qualität sind hier stark ausschlaggebend.

Abbildung 2:
Faktoren, die über die Tierhalterfamilie auf urbane Tierhaltung Einfluß nehmen
(See original report. Not reproduced here.)

Unter der ökonomischen Situation ist zu verstehen, wieviel Personen zum Haushalt gehören und wieviel dieser Personen in welchem Umfang über das ganze Jahr hinweg betrachtet, zum Familieneinkommen beitragen. Bei den unteren Einkommensschichten, die hier betrachtet werden, geht häufig nur ein Familienmitglied einer Arbeit mit geregeltem Einkommen nach. Das bedeutet, daß ein regelmäßiges Einkommen der Familie nur in geringem Umfang zukommt. Die restlichen Familienmitglieder betätigen sich im sogenannten "informellen" Sektor. Je geringer die Möglichkeiten für ein geregeltes, nichtlandwirtschaftliches Einkommen sind, desto eher besteht die Notwendigkeit, durch eigene Nahrungsmittelproduktion die Familie zu versorgen. Dies kann durch Reduktion der Ausgaben für Nahrungsmittel geschehen, indem die produzierten Nahrungsmittel selber konsumiert werden oder indem die produzierten Güter verkauft werden und somit deren Geldwert zur Verfügung steht. Da aber bzgl. der ökonomischen Verhältnisse eines städtischen Haushaltes oft nur sehr geringes Datenmaterial zur Verfügung steht und sich nicht genau feststellen läßt, inwiefern Tierhaltung tatsächlich zum Familieneinkommen beiträgt, gilt es, in Zukunft genauer zu analysieren, wie die Haushaltsströme tatsächlich verlaufen. (Es läßt sich dabei aber nicht von einer "Haushaltsgruppe" auf alle schließen, sondern jede Gruppe muß gesondert betrachtet werden.)

Der kulturelle Hintergrund bzw. die kulturellen Rahmenbedingungen bestimmen, welche Tierart gehalten wird. Die Tiere, die bereits auf dem Land gehalten werden, sind auch in der Stadt zu finden. Des weiteren entscheidet sich aus diesem Kontext heraus, wer für die Tierhaltung, d.h. die Fütterung, die Pflege und aber auch den Verkauf der Tiere zuständig ist. Vielfach ist die Fütterung und Pflege Aufgabe der Frau (Ellis&Sumberg, 1996), beim Verkauf oder beim Schlachten, haben Frauen oft kein Mitspracherecht mehr.

Mit der Kultur geht oft auch ein Erfahrungsschatz einher, aus dem die Tierhalter schöpfen können. In vielen Kulturkreisen gehören Tiere zum täglichen Leben dazu. Wissen darüber, wie Tiere zu halten und zu pflegen sind, wurde über lange Zeiträume hinweg von Generation zu Generation weitergegeben. Menschen, die vom Land in die Stadt abwandern, nehmen dieses Wissen mit und setzen es nutzvoll ein, indem sie weiter Tiere halten. Aber auch andere, die von ihrer "Abstammung" her ursprünglich keine Tierhalter sind, beginnen, Tierhaltung zu betreiben (Jahn, 1996). Durch Abschauen bei den Nachbarn, durch Erfahrungsaustausch mit jenen, durch Tun ("learning by doing") oder auch durch gezielte Beratung lernen sie, was bei der Haltung von Tieren zu berücksichtigen ist. Ob dabei "mitgebrachtes" Wissen zu mehr Erfolg verhilft, sei zunächst in Frage gestellt, zumal die äußeren Umstände und die entsprechenden Restriktionen in der Stadt andere als auf dem Land sind.

An dieser Stelle wird bereits eine der vielen Verflechtungen deutlich, die sich um das System der urbanen Tierproduktion herum ergeben. Beratung beeinflußt den Wissens- und Erfahrungsstand der Tierhalter und ist eine wichtige Komponente der Gesamtheit der Dienstleistungen.

Dienstleistungen umfassen im Bereich Tiergesundheit die kurativen und präventiven Maßnahmen der Tierärzte, sowie die Bereitstellung von "Veterinärbedarf" wie Medikamente oder Impfstoffe (Jahn, 1996:14). Weitere Dienstleistungen, die mehr den tatsächlichen Produktionsbereich abdecken, sind die schon erwähnte Beratung, evtl. auch Forschung, aber vor allem die Bereitstellung von Inputs wie Futter, Tieren (Zuchtmaterial), Kapital oder auch Wasser. Je nach Existenz und Qualität dieser Dienstleistungen läßt sich der Erfolg der Tierhaltung beeinflussen. Aus der Art, wie Dienstleistungen auf die Tierhaltung und somit auf das Tier wirken, nämlich in der Mehrzahl der Fälle über den Tierhalter, wird deutlich, wo das Potential liegt, wenn es darum geht, die städtische Tierhaltung zu verbessern bzw. nach möglichen Ansatzpunkten zu suchen.

Standort

Der Standort als einer der wichtigsten Einflußfaktoren der urbanen Tierhaltung wird beeinflußt durch die Futter- und auch Wasserverfügbarkeit, die existierenden gesetzlichen Vorschriften und die Vermarktungs- und Absatzmöglichkeiten(vgl. Abb. 1).

Das Futter, das den Tieren in der Stadt zur Verfügung steht und somit die Futterverfügbarkeit ausmacht, kommt aus:

Das Futter, das in kleinbäuerlichen Haushalten in der Stadt den Tieren zur Verfügung steht, besteht zunächst aus Haushaltsabfällen bzw. Essensresten der menschlichen Ernährung. Für Tiere, die sich tagsüber außerhalb des Wohngeländes bewegen, bieten freie Grasflächen (Straßenränder, unbebaute Flächen) und "wilde" Müllhalden eine weitere Futterquelle. Mit diesen beiden Möglichkeiten sind für die Tierhalter keine nennenswerten Kosten verbunden. Das Hüten der Tiere wird meist von Kindern übernommen, ist also kein Kostenfaktor. Da eine Fütterung allein mit Haushaltsabfällen oder mit dem Gras, das auf Freiflächen anfällt, über das Jahr hinweg nicht ausreichend ist, muß meist mit Futtermitteln (Ernterückstände, Heu) aus dem landwirtschaftlichen Umland zugefüttert werden. Je besser der Transport zwischen dem Umland und der Stadt ausgebaut und organisiert ist, desto mehr Futter steht aus den ländlichen Regionen für die städtische Tierhaltung zur Verfügung.

Nachfolgend soll auf die gesetzlichen Vorschriften eingegangen werden, die im Zusammenhang mit städtischer Tierhaltung existieren. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Gesetzen, die die Stadtplanung und Gesetzen, die Gesundheits- und Hygieneaspekte betreffen (sowohl bzgl. des Menschen ("public health") als auch bzgl. der Tiere).

Bei der Stadtplanung in Entwicklungsländern und den zugehörigen gesetzlichen Bestimmungen geht es im wesentlichen darum, Problemen entgegenzuwirken, die beim Prozeß der Stadtentwicklung auftreten. Zu diesen Problemen zählen unter anderem (BMZ, 1989):

Gesetze, die erlassen wurden, um diesen Problemen entgegenzuwirken, reglementieren urbane Tierhaltung oft.

Freie Flächen, deren Nutzungsrechte in öffentlicher Hand liegen oder ungeklärt sind, werden von Tierhaltern als Weideflächen genutzt. Stadtplanung, die diese Nutzung und die Bedürfnisse der unteren Bevölkerungsschichten nicht berücksichtigt, verfügt über jene freien Flächen, indem sie für Wohn, Gewerbe- oder Industriegebiete und Straßenbau ausgewiesen werden.

Den Tierhaltern wird durch eine solche Maßnahme eine wichtige Futterquelle für ihre Tiere eingeschränkt. Dazu kommt, daß eine solche Maßnahme der "Nutzungsänderung" durch den Staat oft ohne Ankündigung erfolgt. Die Tierhalter, die über keinerlei Rechte hinsichtlich der Nutzung verfügen, also quasi illegal ihre Tiere auf den Flächen weiden lassen, sind in dem Fall die Leidtragenden.

Neben dieser "Nichtbeachtung" bzw. "Nichtberücksichtigung" der Tierhaltung im Stadtgebiet, existieren vielerorts Gesetze, die die Haltung von Tieren innerhalb der Stadtgrenzen verbieten oder zumindest auf eine Mindestanzahl pro Haushalt beschränken (Siegmund-Schultze et al., 1996). Diese Regelungen sind oft damit begründet, daß durch das Halten von Tieren und durch die Weise wie die Tiere gehalten werden, die Gefahr der Krankheitsübertragung vom Tier zum Mensch besteht (UNDP, 1996). Die Probleme und Risiken, die gesetzliche Regelungen notwendig machen, wurden bereits im Kapitel 4 näher erläutert.

Letztendlich wird ein Standort auch durch seine Vermarktungs- und Absatzmöglichkeiten bestimmt. Je nach Marktorientierungsgrad, ist der Tierhalter darauf angewiesen, beim Verkauf seiner Tiere bzw. der tierischen Produkte für seinen geleisteten Input entlohnt zu werden. Es ist also darauf zu achten, ob überhaupt ein Markt für die erzeugten Produkte existiert und ob die Möglichkeit besteht, auf diesem Markt gewinnbringend zu verkaufen.

Tiergesundheit

Die Tiergesundheit bzw. die Krankheiten, denen die Tiere unterliegen, ist ein wichtiger Einflußfaktor, der den Erfolg der Tierhaltung beeinflußt. Die Tiergesundheit wird hier als ein Hauptfaktor angeführt, da in zahlreichen Studien bzgl. der Produktivität immer wieder hohe Mortalitätsraten als Grund für niedrige Produktivität angegeben wurde (Siegmung-Schultze et al., 1996; Jahn, 1996). Unter tropischen Bedingungen und bei geringer veterinärmedizinischer Versorgung kommt es immer wieder zu Epidemien, die die Tierbestände erheblich dezimieren, bzw. zu enormen Produktionsverlusten und damit starken Einkommenseinbußen für die Tierhalter führen. In ländlichen Regionen kann der Futterknappheit und dem saisonalen Krankheitsdruck durch Wanderbewegungen der Herden z. T. entgangen werden. Diese Möglichkeit besteht für die städtischen Tierhalter hingegen nicht.

Die Gesamtheit aller Einflußgrößen soll aufzeigen, wie vielschichtig die Gründe sind, warum Menschen in der Stadt Tiere halten und wovon der "Erfolg" dieser Tierhaltung abhängt. Erst wenn diese Zusammenhänge für den jeweils betrachteten Standort erkannt sind und deren Wichtigkeit herausgestellt ist, lassen sich Ansatzpunkte finden, die dort wo es notwendig erscheint, eine Verbesserung der Produktionsweisen zulassen.

5.2 Organisationen und Institutionen, die die urbane Tierhaltung beeinflussen

Im vorangegangenen Abschnitt wurden die einzelnen Faktoren, die auf urbane Tierhaltung Einfluß nehmen, dargestellt. Nachfolgend sollen hier die Organisationen und Institutionen kurz beschrieben werden, die bei der Einflußnahme beteiligt sind.

Staat (Verwaltung; Gesetze); auf nationaler und auch lokaler Ebene
Stadtplaner
Veterinärverwaltung
Dienstleistungen, v.a. Beratungsdienst

Nichtregierungsorganisationen (NGO's):
Beratungsunternehmen (um Informationen weiterzugeben und "angepaßte Technologien" zu entwickeln und zu fördern)

Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit
um Produzentenorganisationen, -zusammenschlüsse zu fördern
Unterstützung bei Vermarktung, Qualitätssicherung, Stadtplanung

Kooperativen / Selbsthilfegruppen
Genossenschaften (Erzeuger- und Vermarktungsgenossenschaften)
Lose Zusammenschlüsse von Tierhaltern
Verbände

Private Dienstleister
Futtermittelhändler

Forschungseinrichtungen (z.B. Universitäten)

An erster Stelle ist der Staat zu nennen, der mit seiner Gesetzgebung und den verschiedenen Verwaltungsapparaten, aber auch anderen Einrichtungen wie veterinärmedizinische Labors und Tierzuchtstationen auf die Tierhalter und die Tierproduktion Einfluß nehmen.

Öffentliche Institutionen legen die Politik fest, wirken regulierend, sowohl begrenzend als auch fördernd, auf die Tierhaltung (UNDP, 1996).

Der Staat hatte in den meisten "Entwicklungsländern" zunächst eine Art Monopol, was die Förderung der Tierproduktion betrifft. Aus der Notwendigkeit heraus, epidemieartiges Auftreten von Krankheiten in tropischen Ländern zu bekämpfen, bestand die Förderung der Tierproduktion darin, den veterinärmedizinischen Bereich auszubauen, um somit gegen (die) Krankheiten vorgehen zu können (de Haan&Nissen, 1985). Bürokratische Strukturen des staatlichen Veterinärbereichs führten aber dazu, daß die positiven Auswirkungen (nämlich der Bekämpfung von Krankheiten) für die kleinbäuerlichen Tierhalter sehr gering waren. Das gilt sowohl für rurale, als auch für städtische Gebiete. Städtische Tierhaltung war zudem den staatlichen Veterinären vielfach erst gar nicht bewußt.

Inwiefern der Staat des weiteren auf die städtischen Tierhalter Einfluß nimmt, wurde bereits bei den "gesetzlichen Regelungen" näher erläutert.

Institutionen und Organisationen, die in den vergangenen Jahren immer mehr Bedeutung für die Förderung der Tierhaltung bekamen, sind die sogenannten Nichtregierungsorganisationen (NRO). Sie fungieren als Verbindungsstelle zwischen den Tierhaltern und dem Markt, den Kreditinstitutionen, Forschungseinrichtungen und dem Staat und nehmen Aufgaben wie technische Assistenz, Beratung, Fortbildung, Organisationsförderung (sowohl der Produktion als auch des Marktes) und Förderung der Markttransparenz wahr.

Je nach Aktivität und "Stärke" haben NROen u. U. die Möglichkeit, auf politische Entscheidungen Einfluß zu nehmen, indem sie die Position der Kleinbauern darstellen.

Inwiefern sich NROen explizit für kleinbäuerliche urbane Tierhaltung einsetzen, läßt sich jedoch nicht allgemein darstellen. Vielfach haben sie sich wie auch staatliche Organisationen bei der Förderung landwirtschaftlicher Aktivitäten zunächst auf ländliche Gebiete konzentriert und urbane Tierhaltung bzw. urbane Landbewirtschaftung nicht speziell berücksichtigt (Jahn, 1996).

In städtischen Projekten zur Förderung des informellen Sektors und zur Förderung der Unabhängigkeit von Frauen, wird urbane Tierhaltung unter anderem mit berücksichtigt und gefördert. Als Beispiel läßt sich hierzu ein Gemeinschaftsprojekt zwischen dem Instituto de Desarollo Municipal (IDM) und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Paraguay nennen (Feix, 1996).

Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre begannen "Entwicklungsländer" vermehrt, Hilfe und Unterstützung für die Entwicklung ihrer Städte nachzufragen. Dadurch ausgelöst, begann bei Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit ein gewisser Umorientierungsprozeß. Im Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung, nachhaltiger Landwirtschaft und nachhaltiger Besiedelung, erkannte man mehr und mehr die Rolle der urbanen Land- und Viehwirtschaft und die Möglichkeiten für Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit koordinierend und fördernd einzugreifen.

Auf den unterschiedlichsten Ebenen unterstützen sogenannte Kooperativen die urbane Tierhaltung und deren Wirtschaftlichkeit. Die Kooperation kann darin bestehen, daß Tierhalter sich im Bereich der Produktion zusammenschließen und somit von sogenannten Skalenerträgen profitieren können, z. B. gemeinsame Stallbauten.

Skalenerträge sind auch für Kooperativen möglich, die sich im Bereich Einkauf und Vermarktung bilden. Beim Einkauf von Futtermitteln in größeren Mengen, sei es Grundfuttermittel (Stroh, Heu), die vom Land in die Stadt transportiert werden, oder industriellen Nebenprodukte, ist eine Verhandlung über den Abnahmepreis möglich. Ein billiger Einkauf von Futtermitteln senkt somit die Produktionskosten.

Ähnliches läßt sich auch zu Zusammenschlüssen im Bereich Vermarktung sagen. Bei gegenseitiger Absprache bzgl. der Verkaufspreise, lassen sich höhere Preise erzielen, als wenn jeder Tierhalter einzeln mit einem entsprechenden Käufer in Verhandlungen treten würde.

Inländischen und ausländischen Forschungseinrichtungen wie Universitäten oder unabhängige Forschungszentren kommen verschiedene Aufgaben zu. Zum einen geht es darum, den Umfang urbaner Tierhaltung und ganz besonders den Beitrag zum Haushaltseinkommen städtischer Haushalte zu ermitteln, um aufbauend auf dieser Daten- und Informationsgrundlage nach Förderungsmöglichkeiten zu suchen. Erst wenn die tatsächliche Situation der städtischen Tierhalter bekannt ist, lassen sich Aussagen darüber machen, ob eine Förderung überhaupt sinnvoll oder eher negativ zu beurteilen ist.

Im Hinblick darauf, daß urbane Tierhaltung vielfach kritisch beurteilt wird und evtl. als nicht förderungs- und erforschungswürdig erachtet wir, sei erwähnt, daß Datenmaterial bzgl. des Beitrages der urbanen Tierhaltung zum Haushaltseinkommen auf jeden Fall nützlich ist. Es gibt Aufschluß darüber, wie sich das Haushaltseinkommen der verschiedenen Bevölkerungsschichten einer Stadt zusammensetzt, was wiederum für eine gesamtökonomische Betrachtungsweise der städtischen Verhältnisse von Bedeutung ist.

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See also
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Revised April 30, 1997

Published by City Farmer
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